songwen sun-von berg

 

text von kai uwe schierz

„Formung ist Bewegung ist Tat“

Wenn eine aus China stammende Künstlerin mit schwarzer Tusche auf Chinapapier zeichnet, wie dies Songwen Sun-von Berg in einigen seit 2012 entstandenen Serien praktiziert, dann drängt sich eine Deutung dieser Arbeit als Fortsetzung der uralten Tradition chinesischer Tuschemalerei förmlich auf, denn es entspricht der Erwartung eines kunstinteressierten Europäers und dem Klischee, das seinen Blick konfiguriert, noch bevor er richtig hingesehen hat. Doch ist das genauere, möglichst vorurteilslose Hinsehen, das Wahrnehmen von Details und Differenzen dem schnellen Überblick vorzuziehen, nicht nur hinsichtlich des Werks von Songwen Sun-von Berg, aber insbesondere hier. Auf diese Weise wird man gewahr, dass ihre Tuschezeichnungen mit der Feder (einer Rohrfeder) gezeichnet sind und nicht mit dem Pinsel (wie in der traditionellen asiatischen Tuschemalerei). Die Spuren der Tuschefeder auf dem Papier sind meist winzig klein, mäandernde Linien wie Staubfussel und Punkte, die sich der unbewegten Berührung der Tuschefeder mit dem Papier verdanken und größer werden, je mehr Zeit vergeht und Tusche aus der Feder in das saugfähige Papier eindringt. Die winzigen Lineaturen und Punkte verdichten sich in unterschiedlicher Intensität zu Formen – wachsen gleichsam von innen heraus, um sich schließlich in der Kontur und Binnenstruktur so zu festigen, dass Assoziationen der entstehenden Formen mit einfachen Objekten aus unserer Erfahrungswirklichkeit möglich werden: mit einem Berg, einem Ei, einer Feder oder einem Ginkgoblatt beispielsweise.

Songwen Sun-von Berg hat tatsächlich schon als Kind die Kunst der chinesischen Kalligraphie erlernt, hat viel gezeichnet, wenn die Eltern zur Arbeit unterwegs waren und sie allein zu Hause blieb. Ihre zeichnerische Begabung wurde erkannt und in der Schule gefördert, allerdings mit Aufträgen zum Kopieren und Abzeichnen, nicht im Sinne eines kreativen Spiels. Eher pragmatischen Rücksichten entsprach dann auch ihr Studium in Shanghai, das nicht den Künsten galt, sondern den Ingenieurswissenschaften. Als sie 1991 nach Berlin kam, studierte sie zunächst an der Freien Universität Berlin Sinologie, begleitet von einem privaten Unterricht bei dem Künstler Prof. Hans Schiller. An der Universität lernte Songwen Sun-von Berg ihre Heimat, ihre Kultur, gleichsam noch einmal kennen, nunmehr ‚von außen‘ und geprägt durch eine bestimmte fachliche Perspektive. Zugleich lernte sie die jüngeren künstlerischen Traditionen ihrer Wahlheimat kennen und schätzen, insbesondere die Ausdrucksspektren des Expressionismus und der ungegenständlichen, informellen Malerei. Nach einem zwei Jahre währenden Studium an der Universität der Künste arbeitet sie seit 2011 freischaffend in Berlin.

Ihre Arbeit als Zeichnerin gilt der Erkundung der Form, der Genese von Form, die natürlich ohne die Handhabung und charakteristische Präsenz der künstlerischen Materialien nicht zu denken ist. Dass sie dabei China-Papiere und schwarze Tusche nutzt, liegt zum einen an ihrer Vertrautheit mit diesem Material, mit seiner speziellen Stofflichkeit, dem Geruch und der speziellen Interaktion des Flüssigen mit dem Festen und zugleich doch extrem Leichten des Papiers, zum anderen aber auch an ihrem Bestreben, mit möglichst geringem Mittelaufwand und einem reduzierten Repertoire bildnerischer Wirkungen Prozesse der Formwerdung in Gang zu setzen, ihre Entfaltung zu beobachten und zu steuern. Ihre Erkundungen gelten weniger äußeren Formmerkmalen, sondern der inneren Verfassung dessen, woraus Form erst entsteht. Dieses Interesse ist nicht rein visuell oder bildnerisch, sondern umfasst die philosophische Reflexion des modernen Weltbildes, wie es seit Anfang des 20. Jahrhunderts entworfen wird – von der Einsteinschen Raumzeit-Einheit bei der Beschreibung des Universums im Großen bis zu den Licht-Materie-Wechselwirkungen und -Fluktuationen, auf die wir bei der Beschreibung der kleinstmöglichen Bausteine unserer Welt stoßen. Die monistische Idee dahinter – dass nämlich alles Feste, Sicht- und Greifbare in der Welt, das Kleinste ebenso wie das Größte, auf verschiedenen Konfigurationen des Immergleichen beruht, nämlich winziger Energieeinheiten, auf deren Schwingungen, Interaktionen und Fluktuationen, dass wir alles und jedes im uns bekannten Universum auf diesen ‚Urstoff‘ zurückführen können – ist für Songwen Sun-von Berg wesentlich für die Wahl der eigenen bildnerischen Grundelemente. Wie schon eingangs bemerkt: Alle Ordnung und Struktur (sprich: Form) in ihren Zeichnungen erwächst aus kleinen bis kleinsten Grafismen – Tuschepunkten und Tuschekringeln, zum Teil kaum größer als Staubpartikel. Ihre Ausdehnung und Schrumpfung, die Lockerung oder Verdichtung des Abstandes zwischen ihnen markieren das Innenleben jener Figurationen, die nicht durch Konturlinien begrenzt werden, sondern durch die Differenz zwischen dicht gesetzten grafischen Zeichen auf der einen und der Abwesenheit solcher Zeichen auf der andere Seite, einer Seite, die durch die Leere des weißen Papiergrundes gekennzeichnet ist, einen weit offenen wie unbestimmbaren Raum, wie er uns beispielsweise in der traditionellen, zenbuddhistisch inspirierten Tuschmalerei Chinas und Japans begegnet und dort die Bedeutung von Shunyata transportiert – jener Leere, in der Alles nichts ist und doch als Potenz vorhanden. Wir finden die Thematisierung dieser Leere explizit in der Serie „Wide open“ von 2014, in der die unbearbeiteten Zwischenräume zwischen den getuschten Partien des Blattes ebenso wichtig für die Bildaussage sind wie die bearbeiteten Partien, welche biomorphe oder geologische Assoziationen zulassen, aber im Grunde einfach „Etwas“ bedeuten, ein Sein, das im Bild diaphan wirkt wie unter dem Röntgenapparat und im Möglichkeitsraum der Leere interagiert – auf diese Weise zur Form wird. Vielleicht beziehen sich die Blätter dieser Serie auch auf eine berühmte Geschichte aus der Tradition des Chan-Buddhismus, die erste in der Kōansammlung Biyan Lu. Dort fragt der Kaiser Wu-Di von Liang den (buddhistischen) Großmeister Bodhidharma: „Welches ist der höchste Sinn der Heiligen Wahrheit?“ (gemeint ist der buddhistische Weg, Dharma) und Bodhidharma antwortet ihm: „Offene Weite – nichts von heilig.“ Zweifelsohne folgt Songwen Sun-von Berg auch der Konnotation von Leere, wie sie in der traditionellen asiatischen Kunst dem unbearbeiteten Grund des Papiers zugeschrieben wird, indem sie ihre Tuscheformationen kompositorisch auf diesen Grund bezieht und, sobald es sich um Einzelformen mit geschlossener Kontur handelt, die nicht vom Blattrand angeschnitten wird, sie darin ausbalanciert – je nach der ‚Schwere‘ der Tuscheformation darin schweben lässt. Schließlich findet man hin und wieder auf den Zeichnungen eine gestempelte Signatur in Rot, fein austariert zu den Tuscheformen und dem weißen Blattgrund in Beziehung gesetzt, als eine weitere Form des expliziten Rückbezugs auf die Traditionen der asiatischen Tuschemalerei. Dennoch offenbart dieser Rückbezug etwas Besonderes, denn er vollzieht sich als Blick von außen auf diese Tradition. Deutlich zeigt sich das in Blättern, die 2012 entstanden und lapidar „Kreis“ betitelt sind. Zu sehen ist jeweils eine nicht ganz geschlossene Kreisform, wie sie ein in Tusche getränkter großer Pinselquast hervorbringt. Diese Form ist seit dem Mittelalter im chinesisch-japanischen Zen-Buddhismus verbreitet und bedeutet Vollkommenheit/ Fülle ebenso wie Leere. Im Westen ist diese mit dem Tuschepinsel ausgeführte Form unter der japanischen Bezeichnung Ensō (Kreis) bekannt geworden. Angeblich kann man nur spontan und intuitiv, im Zustand des Erwachtseins, diesen Kreis vollkommen ebenmäßig ausformen; entsprechend intensiv üben manche buddhistische Mönche seine kalligrafische Ausführung. Die Gestalt, die Songwen Sun-von Berg diesem Symbol gibt, ist bemerkenswert: Sie lässt die berühmte Kreisform aus Punkten und Kringeln erstehen, ihrem bildnerischen Grundrepertoire. Nichts könnte die Distanz der Bezugnahme auf die verehrte asiatische Tradition besser verdeutlichen als diese Zeichnungen.

Offenbart sich einerseits in den genannten Titeln, Symbolen und Kompositionsweisen der durchaus im Horizont unserer Erwartungen liegende Rückbezug Songwen Sun-von Bergs auf die eigenen Wurzeln in Asien, so wurde anderseits Paul Klee für sie zu einem wichtigen Ideengeber, wenn es um die Klärung ihres Verständnisses von Formung geht. Dieser notierte 1924 in einem Vorlesungsmanuskript für die Studierenden des Staatlichen Bauhauses in Weimar: „Gut ist Formung. Schlecht ist Form; Form ist Ende ist Tod. Formung ist Bewegung ist Tat. Formung ist Leben.“ Es ging Klee um die Betonung des Prozesshaften bei der Gestaltung von Bildern, die in diesem Sinne zu Gleichnissen der Naturkräfte werden. Dass sich Klee mit seiner Sichtweise wiederum an das Naturverständnis, insbesondere die Metamorphosenlehre Johann Wolfgang von Goethes anlehnte, ist bekannt. Wenn Songwen Sun-von Berg davon spricht, dass es ihr nicht um ein Abbild von den Objekten gehe, die sich unseren Sinnen erschließen, darf das jedoch nicht zu dem Schluss verführen, ihre Kunst drehe sich nur um den Kern des Bildens, die Formwerdung, sei in ihrem Wesen also abstrakt. Sie zielt mit ihren Bildern auf das Leben, nur eben nicht auf ein konkretes (und konkret abbildbares), sondern allgemein auf das Phänomen Leben als einen fortwährenden Akt der Schöpfung. Leben heißt für sie vor allem Fragilität, Zerbrechlichkeit, Zeitlichkeit. Es beginnt wie ein schwarzer Punkt auf einer riesigen weißen Fläche Papier. Jeder schwarze Punkt ist der Ursprung einer Form; zuerst einer sehr einfachen, indem die Tusche in das Papier eindringt, von diesem aufgesogen wird und sich schon dadurch etwas vergrößert. Durch den Kontakt der Tusche mit dem Papier verändert sich etwas, so wie jeder nachfolgende Punkt, jede nachfolgende Lineatur die Komposition des Bildes in toto verändert. Eher scheint die Form so ‚aus sich selbst‘ zu wachsen, als dass sie von einem handelnden Subjekt, dem Menschen, aufgezeichnet würde.

Songwen Sun-von Bergs Formen wachsen langsam, Punkt um Punkt. Es sind kleine Bewegungen der Hand, wie beim Schreiben. Die Künstlerin hat sich von der Tradition der Kalligrafie ebenso befreit wie von der Methodik des technischen Zeichnens, und doch sind beide in ihrem Stil aufgehoben. Das ‚schreibende‘ Zeichnen kann man sich als einen Vorgang vorstellen, der intuitiv abläuft, dabei aber auch ständig, wie aus einer zweiten, etwas distanzierten Perspektive, beobachtet wird, kontrolliert und gegebenenfalls korrigiert. Gelingt es, die Idee eines Objektes adäquat zu Papier zu bringen? Ist die Form einfach genug, um möglichst vieles assoziativ zu umfassen? Wie kann ich mit einfachsten Mitteln zeichnerisch komplexe Formen erzeugen? Solche und ähnliche Fragen spielen eine Rolle, während der Formprozess Gestalt annimmt, sich gleichsam von innen nach außen konkretisiert, dabei eine offene, ‚atmende‘ Kontur ausbildet, die uns eine Feder erkennen lässt, ein Ei oder ein Blatt vom Baum. Die Figuration bleibt allgemein, wie ein Begriff, der über den einzelnen konkreten Manifestationen des Lebens steht. Eine Folge derartiger Zeichnungen (wie aus dem Jahr 2013) nebeneinander ergibt schließlich so etwas wie ein visuelles Alphabet der Welt. Vorstellung und Anschauung bilden ein untrennbares Ganzes und formieren die bildnerische Gestalt. An dieser Stelle wird verständlich, dass Songwen Sun-von Berg künstlerische Wahlverwandte auch in phantasiereichen Figurenerfindern wie Gerhard Altenbourg und Horst Hussel gefunden hat.

Seit 2013 spielt auch die Farbe eine Rolle. Die Künstlerin trägt stark verdünnte Ölfarbe in breiten Pinselspuren auf das Papier auf – fast immer monochrom, also auf eine Farbe beschränkt. Der Effekt ist paradox: Die Farben wirken wässrig, wie ein Fluidum, locker aufgetragen, unbestimmt in der Ausdehnung – in diesem Sinne wie eine Variante der Metapher des unbearbeiteten Papiergrunds für Shunyata, eben jene Leere, die alle Fülle potenziell verbürgt. Das farbige Element wirkt intuitiv und grundierend in diesen Zeichnungen, lädt dazu ein, es mit Elementen wie Wasser und Licht zu assoziieren. Es wirkt auch informell: löst die strenge Balance mancher Komposition auf, verflüssigt sie gleichsam. Im Liquiden und Fluktuierenden finden wir schließlich jene geistige „Urform“, auf die alles rückbezogen werden kann. Sie ist Bewegung und steht im Bild für Bewegung, Ursache, Anfang und Ende aller Kristallisation von Energien, aller Gestalten, Vorstellungen, Einbildungen etc., die wir als Form wahrnehmen. Weil alles in unserer Welt in Bewegung ist, ständig in Abhängigkeit voneinander entsteht und vergeht, kann auch aus Allem Alles werden – potenziell, im Raum der Leere, die unser Universum hauptsächlich ist. In die schwebend-leichten Gestalten der Zeichnungen Songwen Sun-von Bergs, die viel zeigen und wenig erzählen, kann man eintauchen wie in ein geistiges Fluidum und kontemplieren, unter anderem auch darüber, was Klee mit der Formulierung „Formung ist Bewegung ist Tat“ gemeint haben könnte – ein modernes Kōan. Eine kontemplative Betrachtungsweise entspricht wohl auch am ehesten der besonderen Einladung, die Songwen Sun-von Berg mit ihrer Kunst ausspricht.

Kai Uwe Schierz